Good Veterinary Practice
- Gutes Tun



 

Die Lage der Tiermedizin in Deutschland aber ist schlecht:

Entsolidarisierung, unkollegiale Wichtigtuereien und Preisdumping sind die Regel, und alleine das Einhalten der Gebührenordnung für Tierärzte überfordert den Berufsstand. Diese Entwicklungen sind nicht neu, allerdings scheinen sie sich zu verschärfen.

Die Verteilungskämpfe, die als verschärfter Wettbewerb den Rest der Gesellschaft ja freuen könnten, wenn denn am Ende "billigere Tiermedizin" für sie dabei herauskäme, haben aber noch andere Auswirkungen.

Mindestens in der Nutztierhaltung, mittelfristig aber auch in der Kleintier- und Hobbytierhaltung ist die Qualität der tierärztlichen Arbeit gefährdet. Dauernde Fortbildung, anständige Entlohnung der abhängig Arbeitenden, ein guter Standard medizintechnischer Ausrüstung müssen in der Breite der Praxen gewährleistet bleiben. Wir dürfen nicht erpressbar werden. Nicht nur in der Großtierpraxis wird Druck auf die Praxen ausgeübt: bei der Durchführung von verbotenen Amputationen mit tierärztlicher Indikation“, der Ausstellung von Gefälligkeitsgutachten, der Nachfrage nach Euthanasien lästiger Haustiere, beim Wunsch nach Doping nicht erst bei Spitzenpferden oder nach Anabolikaeinsatz beim etwas zu schmächtig geratenen DSH-Rüden. Schluß des Vorhergehenden.

Wenn denn vieles so schäbig ist, warum sollte dann ausgerechnet eine weitere "moralische" Forderung Erfolg haben, also das Bewußtsein (hoffentlich) das Sein bestimmen? Der Charme der Good Veterinary Practice (im folgenden GVP) liegt für mich gerade darin, daß der Begriff Ehrenkodex und konkrete Handlungsanweisung in sich vereint. Deshalb ist er ja auch ein Fremdwort.

Ich schlage nun vor, ihm (dem Begriff) die doppelte Staatsbürgerschaft zu geben, weil erstens eine Eindeutschung ihn auf eine sehr unangenehme Art idealisieren würde, zweitens wird so dem angelsächsischen Kulturkreis die Referenz erwiesen. Obwohl auch dort Modernisierung, Taylorisierung, Rationalisierung, Globalisierung - oder wie immer das jetzt genannt wird - nicht an der Tiermedizin vorbeigegangen sind, ist es dem dortigen KollegInnenkreis aber doch einigermaßen gelungen, für Sitte und Anstand im Wettbewerb zu sorgen.

Das Royal College of Vetererinary Surgeons (RCVS, was so ungefähr der deutschen Bundestierärztekammer entspricht) hat mit dem "guide for professional conduct" eine verbindliche Richtlinie festgelegt, wie sich MitgliederInnen des Berufstandes zu verhalten haben. Es ist selbstverständlich kein neues Mega-Fachbuch, dessen Befolgung dafür sorgt, daß keine Krankheit nie nichtmehr nichterkannt suboptimal behandelt wird, sondern regelt zum Beispiel, wie eine Praxis sich verhält, wenn ein Patientenbesitzer von der Nachbarpraxis kommend um eine zweite Meinung bittet. Kratzen, Treten, Beißen ist jedenfalls nicht korrekt, Hunde für 25,- DM fünffach zu impfen, auch nicht, AssistentInnen schlecht zu bezahlen, sowie Autobahntierarzt zu sein auch nicht.

Wir werden in der nächsten Veto einen Artikel haben, der sich mit dem guide und seiner Umsetzung in Großbritannien befaßt. Interessanterweise ist die Frage nach den Sanktionen bei Regelverstößen gar nicht so relevant, weil sich im sehr Großen und sehr Ganzen daran gehalten wird. Aber wir können doch nicht alle nach GB auswandern??

Aber möglicherweise idealisiere ich ja den Angelsachsen und muß erkennen , daß die Etablierung des GVP-Begriffs in Deutschland gar nicht fruchten würde. Mit der Frage, ob denn nun in diesem Fall zuerst das Huhn oder das Ei da war, könnte mensch ja einwenden, daß es zunächst struktureller Änderungen in der Zusammensetzung des Berufsstandes bedürfe, bevor inhaltliche Verbesserungen zu erzielen sind. Dafür spräche auch, daß auch in der deutschen Humanmedizin eigentlich die gleiche Debatte mit nur unwesentlich besseren Diskussionsständen geführt wird.

Wieviel Gesundheit für wieviele ist bezahlbar? Warum schafft es die Pharma-Lobby noch immer, die Einführung der Positiv-Liste zu verhindern? Mit welchen Dienstleistungsbonbons darf der Kampf um Patienten geführt werden? Wie sollen Fälle und Gelder zwischen Haus- und Fachärzten verteilt werden - zum Wohle der Patienten, aber auch nicht zum existenzbedrohenden Nachteil für einzelne Praxen? Und wie sollen dann diese Kosten möglichst gerecht auf die immer noch vorhandene Solidaritätsgemeinschaft umgelegt werden?

Auch in den hochentwickelten reichen Industrienationen wachsen die Einkommensdisparitäten, so daß die bestmögliche Versorgung wieder zu einer Klassenfrage wird. (Für alle, die nicht im tiermedizinischen Ghetto verblöden möchten, empfehle ich mal wieder dringend die Lektüre der Dr. med. Mabuse, Zeitschrift im Gesundheitswesen, Kasseler Str. 1a, 60486 Ffm, 069 - 97074071).

Zwar ist mir - wie nun hoffentlich klar geworden ist - eine breite, konkrete Debatte im Berufstand fast ebenso wichtig wie die Verkündung neuester, alternativster, richtigster Ansätze, glaube aber, daß die AGKT durchaus in der Lage wäre, eine ziemlich gute Vorlage für ein bundesdeutsches Regelwerk zu liefern. Für meinen Nutztierpraxisbereich finde ich allein in den letzten Vetos hinreichend Ansätze, was Arzneimitteleinsatz und Verantwortung den VerbraucherInnen gegenüber angeht:

  • Zentrale Forderung bleibt die Erarbeitung einer Positivliste, auf der Medikamente, Indikationen, Dosierungen, Rückstandskontrollen festgelegt werden.

  • Ein neuer Ansatz zur Bewertung einer guten Praxisführung könnte (neben der Anzahl der ordentlich ausgefüllten und abgehefteten Abgabebelege) der Antibiotika/Performance-Quotient sein. Wieviel biologische Leistung in einem Produktionssystem (z.B. Schweinefleischerzeugung) ist mit wie wenig Leistungsförderern und anderen Antibiotika möglich?

  • Die Einführung von Festpreisen für Tierarzneimittel würde den Preis als Argument der Tierarztwahl ablösen, zugunsten von hoffentlich Kriterien wie Beratungskompetenz.

Die AGKT hat in der Vergangenheit auch in fast allen anderen relevanten Bereichen (Kleintiere, Pferde, Heimtiere) beziehungsweise in den spezifischen Teilgebieten wie z.B. Transport und Schlachtung, Anforderungen an Bio-Betriebe, aber auch bei berufsständischen Fragen hinreichend Kompetenz bewiesen. Mein Vorschlag ist also, daß wir uns als AGKT daran begeben, den Begriff der GVP zu füllen.

Norbert Roers


Aus Veto 47 (1999),
S. 21-22
Autor: Norbert Roers




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© J. Herrmann, April 1999